Früher gab es Sega, und es gab Nintendo. Früher gab es Sonic, und es gab Mario. Der Frontverlauf war klar. Heute besteht der Videospielkosmos aus drei Global Playern. Und noch immer hat jeder Gamer seinen persönlichen Favoriten unter den Konsolen. Nun steht ein neuer Konkurrent in den Startlöchern, der sich anschickt, den Spielemarkt aufzumischen. In den USA läuft bereits die beta-Testphase. Das Ende einer Ära naht. Ist der Kampf der Systeme bald Geschichte? Eine persönliche Betrachtung.

Ein Bild der Vergangenheit: Ist die Vielfalt bald verblasst?
Wenn ich mich recht erinnere, war es Aladin, der mich hat zweifeln lassen. Es muss Anfang der Neunziger Jahre gewesen sein. Von einem Tag auf den anderen war ich mir nicht mehr sicher, ob ich auf der richtigen Seite stand. Ich überlegte also ernsthaft, mir ein Mega Drive zu kaufen. Warum zum Henker gab es das Spiel Aladin nicht auch für mein Super Nintendo?
Ich saß in meinem Zimmer und blätterte den Aladin-Test in der Zeitschrift „Videogames“ auf. Wieder und wieder las ich die Einschätzung der Profis. Das Spiel hatte aber auch wirklich in allen Kategorien abgeräumt: Super Grafik, tolles Gameplay, astreiner Sound. Ich begann nach Fehlern zu suchen. Etwas Schlechtes musste doch zu finden sein, das mich vom falschen Pfad abbringen konnte.
Die heisse Liebe zu meinem Super Nintendo war plötzlich abgekühlt. Es blieb ausgeschaltet. Es war einfach nicht mehr dasselbe: Das „Klack“, das der dunkelgraue Power-Schalter erzeugte, wenn man ihn nach oben schob, auch das „Pling“, mit dem der Nintendo-Schriftzug Zehntelsekunden darauf in die Bildschirmmitte rutschte. Ich wollte das Sega-System.
Solche Wirrungen, so scheint es, haben bald ein Ende. Das Projekt OnLive verspricht den Kampf der Spielkulturen endgültig zu beenden. Es dreht sich mal wieder um das Zauberwort Cloud-Computing. OnLive soll es ermöglichen, sämtliche Spiele in Echtzeit auf den heimischen Bildschirm zu streamen. Vorraussetzung ist lediglich eine schnelle Intenetverbindung. Im Wohnzimmer stehen nur noch Empfänger und Steuereinheit.
Games werden nicht mehr gekauft, stattdessen aus der Datenbank des OnLive Servers ausgewählt und geladen. Diese Server sind es auch, die die Rechenarbeit übernehmen, zu Hause kommt nur die Grafik an. Viele namhafte Spielehersteller haben bereits bestätigt, das Projekt zu unterstützen. Bei Erfolg wird sich deren Zahl schnell weiter erhöhen. Die Systemfrage hätte sich erübrigt.
Zurück in die Neunziger: Natürlich reichte mein Geld nicht für das Mega Drive. Daher fragte ich mich, warum es überhaupt mehrere Konsolen geben musste. Ich träumte von einer Plattform, auf der sich Klempner und Igel gute Nacht sagten, Mario und Sonic sich jederzeit abwechesln konnten. Ich malte mir aus, wie ein „Mega Nintendo“ wohl aussehen könnte. Das OnLive wäre also genau das richtige für mich gewesen.
Heute ist dieser Traum zum greifen nahe. Eine Alles-Fresser-Plattform wie OnLive hat das Potential den gesamten Videospiel-Markt aufzumischen. Über kurz oder lang könnte es sogar die anderen Konsolen verdrängen und zum Monopolisten aufsteigen. Aber wären darüber nur die Nostalgiker traurig, während alle anderen davon profitierten jedes erhältliche Spiel auf einer einzigen Konsole spielen zu können? Sicher ist, das Kulturgut Videospiel würde an Vielschichtigkeit einbüssen.
Noch allerdings gehört die bewusste Entscheidung des Gamers dazu. Er oder sie überlegt sich genau, welches der parallel existierenden Systeme am besten zu ihm passt, welche Spiele, welcher Controller, und, welches Maskottchen. Damals lautete die Gretchenfrage: Mario oder Sonic? Seit Segas Ausstieg aus dem Konsolengeschäft hüpft der blaue Igel Sonic auf allen Plattformen – sogar auf dem Nintendo. Dafür hat der japanische Traditionshersteller neue Konkurrenz in Form von Sony und Microsoft bekommen.
Nach wie vor wird somit debattiert, welcher Controller wirklich besser in der Hand liegt und welche Buttons die optimale Drucksensitivität besitzen, ob die Microsoft Spiele wirklich innovativ sind, oder wie es um das Gameplay der Sony-Games bestellt ist. Und damit ist es nicht getan. Individuelle Vorlieben werden in Symbole übersetzt. So entsteht ein Mikrokosmos, dem man sich verbunden fühlt. Das zeigt ein T-Shirt mit dem kultigen Sega-Logo genauso wie die Action-Figur auf dem Schreibtisch, die den Masterchief aus Microsofts Exklusivtitel Halo abbildet. Manch einer soll sogar Bettwäsche besitzen, die mit Mario und Yoshi bedruckt ist.
In einer Runde längst erwachsener Menschen fallen Sätze wie: „Und was hattest Du früher?“, oder: „Ich war mehr der Nintendo-Typ“ und: „Weisst Du noch, dieser Seeega-Sing-Sang, wenn man Sonic eingeschaltet hat?“. Für die nächste Generation von Gamern könnte der Systemwettstreit schon zur Geschichte gehören. Dank OnLive werden sie nicht mehr streiten müssen, welches Videospiel-System das einzig wahre ist. Und sie werden sich nicht mehr darüber freuen können, beim besten Freund einmal die andere Konsole zu testen. Natürlich nur um festzustellen, was sie sowieso schon wussten: Dass die eigene die bessere ist.
Ihnen wird aber auch erspart bleiben, ihre Freizeit im Elektronikmarkt an der Ecke zu verbringen, weil der Kasten der zu Hause vor dem Fernseher steht, ausgerechnet mit Aladin nichts anzufangen weiß. So müssen sie auch nicht alle paar Minuten das schwarze Gamepad an die anderen Kinder im Laden weiterreichen. Dieses schweißnasse Ding, das schuld daran war, dass Aladins Leben im Sekundentakt schwanden.