Studium Generale. Ein Versuch.

Zehn Minuten nach zwölf betritt Dr. Ivan Izmetiev den Saal. Sein Kopf, mit freundlichem Gesicht und runder Brille, sitzt auf einem schlanken Körper. Der Kragen seines blauen Hemdes guckt unter einem grauen Westover hervor. Herr Izmetiev ordnet Kreidestückchen und feuchtet gelbe Tafellappen an. Um 12.14 Uhr steht er kerzengerade hinter dem Katheder, sein Blick ist dem Auditorium zugewandt. Er schaut auf einen Hörsaal mit 250 Sitzen, verteilt auf zehn steil angeordneten Reihen. Ganz hinten im Saal, auf einem der Klappsitze aus hellem Holz, sieht er mich. Ich habe Angst.

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Juwel mit Wasserlage

Ja, es passiert. Ja, es ist auch schon andernorts passiert. Und ja, es ist eine irgendwie logische Entwicklung in einer gefragten Stadt wie Berlin. Gen-tri-fi-zie-rung. Weil das ein so großes Wort ist, nehme ich die Lupe zur Hand, halte sie über die kleine Halbinsel Stralau in Friedrichshain, und suche den Flaschenturm. Ein weiterer magischer Berliner Ort, der sich in Eigentum transformiert: Besichtigen Sie schnell die Musterwohnung.

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und neben mir, die stadt

krümel losen betons haben sich im haar festgesetzt, der hinterkopf liegt hart gebettet, auf kosten der nägel graben sich fingerkuppen in die poröse bausubstanz, an deren füßen trübes wasser leckt. die eingesogene luft schmeckt staubig. ich höre sie, tauben, wie sie neben mir die reste sesam-besetzten gebäcks aus papiertüten klauben – es müssen viele sein. da!: die linke hand fühlt ein grasbüschel, daran ziehe ich mich hoch, um in die Sonne zu blinzeln. wie ein tauchsieder sinkt sie in die spree.

Entscheidungen durchspielen

Jason Rohrer. In der Indipendent-Programmierer-Szene kennt man diesen Namen. Sein Computerspiel Passage dauert exakt 5 Minuten, ein kleines digitales Leben lang.

Die Frau an deiner Seite besteht – genau wie Du selbst – aus ein paar wenigen Pixeln. Triffst Du Sie auf diesem simplifizierten Spielfeld des Lebens, kannst Du Dich entscheiden, an ihrer Seite zu bleiben. Und das ist ganz wörtlich gemeint, wird der Pfad der Zweisamkeit beschritten, ist er nicht mehr zu verlassen: Die kleinen Pixelleiber kleben von nun an aneinander. Der Preis des schönen Gefühls, nicht mehr allein zu sein, ist, nicht mehr so einfach durch die Level wandern zu können. Schmale Wege sind ab jetzt keine Option mehr. Ein Spieler würde sagen: „das Handling ist schwieriger geworden“. Andere Menschen würden sagen: „So ist das, wenn man verheiratet ist“.

Ein gutes Spiel.

Beruf Journalist. Eine Tragödie.

Journalisten sind die traurigsten Menschen auf der Welt. Sie leben am Leben vorbei, an dem, was gemeinhin als Traum bezeichnet wird. Dabei sind sie so nah dran an so vielen Träumen. Sie sprechen mit denen, die es geschafft haben, den Aufsteigern, den Alpha-Tieren, den Schönen, den Reichen, den Glücklichen. Journalisten sind die Chronisten der Träume anderer.  Müssen Sie dabei selbst auf der Strecke bleiben?

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Campeones del Mundo

Auf Plätzen wie diesem in Barcelona haben die neuen Weltmeister  das Fussballspielen gelernt.

Die meisten Profis der spanischen National-Elf verdienen ihr Geld beim FC Barcelona. Darum  sangen dort am Final- Sonntag selbst die stolzen Katalanen „Yo soy Espanol, Espanol, Espanol!“

Deep Blue

„Didiu“. Das Spiel ist aus. Wie einst Kasparov habe ich dem Computer einen Sieg abgerungen. Die letzte Kugel ist geplatzt, der Punktestand verdoppelt: Game Over.

Ich kann wieder denken, ich kann wieder arbeiten. Bevor ich das tue, gucke ich kurz, was es da noch so für Spiele gibt im Internet.

Haltet die Druckerpressen an

Jeff Jarvis hat keine Angst vor Google. Das wissen wir spätestens seit der Veröffentlichung seines Buchs „What Would Google Do?“. Der populäre Journalismusprofessor und Blogger aus New Jersey hat es sich zum Ziel gesetzt, Verleger und Journalisten in aller Welt davon zu überzeugen, dass das Internet im Allgemeinen und Google im Besonderen eine Chance ist – wenn man sie zu nutzen weiß.

Druckerpressen, die das Papier für die (gute?) alte Zeitung schwärzen, will er schon seit Jahren anhalten.

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Nach seinem Vortrag beantwortet Jarvis Fragen. Es gab Gesprächsbedarf

Bitte benutzen Sie die Zange!

Die kleine Bäckerei an der Ecke war in meinen Gedanken immer so eine Art zeitgemäßer Ersatz für den verschollenen Krämerladen. Es gab da die selbe begriffliche Verknüpfung mit dem Wort „Gemütlichkeit“. Die noch zeitgemäßere Backshopketten-Filiale leistet diese Verknüpfung leider nicht mehr.

Backwerk oder Backfactory heißen die oft nur wenige Quadratmeter großen Verkaufsboxen. Auf jeden Fall befindet sich ein Coca-Cola-Kühler darin, und eine kleine Süßigkeiten-Theke an der Kasse. Aus Kaffee-Automaten zapft sich der Selbstbediener „Café-Spezialitäten“ auf Knopfdruck. Dabei scheint der Unterschied zwischen Latte-Machiato, Milchcafé und Cappuccino nur an der veränderten Reihenfolge der Einspritzungen ihrer Bestandteile (Wasser, Wasser mit Milchpulver, Wasser mit Kaffee-Pulver) zu bestehen.

Sämtliche im Backshop erhältliche Waren haben ihre Entsprechung in einer Taste am Kassencomputer. Wie bei McDonalds gibt die Kassiererin keinen Preis ein, sondern drückt den Schoko-Croissant-Button, wenn sich ein solches auf dem Plastiktablett des Kunden befindet. Worauf die Kassiererin drückt, wenn das belegte Fussball-Brötchen – das gibt es nur während der WM – abkassiert werden will, ist nicht bekannt.

Um das Schoko-Croissant, oder was auch immer, zu erwerben, bestückt der Kunde sein Platiktablett zunächst mit einer Einweg-Papierunterlage. Dann klappt er die transparente Klappe hoch unter der sich das Croissant befindet und greift sich ( „Junger Mann, Bitte die Zange benutzen“) die Zange – und erst dann das Gebäck. Man könnte die Waren (wie einst die Bäckerin) auch gleich in die Papiertüten tun, nur müsste die Kassiererin in dem Fall blind darauf vertrauen, das der Kunde die Wahrheit über den Inhalt der Tüte sagt.

Ganze Brote – und nur die – werden in Kunststoffbeuteln verpackt. Die Weizen- oder Roggenlaiber kann der Kunde in Eigenregie an einer Schneidemaschine scheibieren. Dann darf er sich aus einer Schachtel eine Klammer nehmen, um damit die Platiktüte zu verschliessen. Ein Aufkleber zeigt an, dass die Klammern „nur für geschnittenes Brot“ zu verwenden seien.

Brötchen, Mohnhörnchen, Vanilleplundern etc. werden übrigens von einem Geheimgang aus, der hinter den Regalen liegt, eingeräumt. Das funktioniert bei den Kühlschränken in Tankstellen ganz ähnlich. Und so kommt es auch, dass die Begriffe, die einem im Backshop in den Kopf schiessen weit weg sind von „Gemütlichkeit“.

Mario macht Loopings, Sonic rettet die Prinzessin

Früher gab es Sega, und es gab Nintendo. Früher gab es Sonic, und es gab Mario. Der Frontverlauf war klar. Heute besteht der Videospielkosmos aus drei Global Playern. Und noch immer hat jeder Gamer seinen persönlichen Favoriten unter den Konsolen. Nun steht ein neuer Konkurrent in den Startlöchern, der sich anschickt, den Spielemarkt aufzumischen. In den USA läuft bereits die beta-Testphase. Das Ende einer Ära naht. Ist der Kampf der Systeme bald Geschichte? Eine persönliche Betrachtung.

Ein Bild der Vergangenheit: Ist die Vielfalt bald verblasst?

Wenn ich mich recht erinnere, war es Aladin, der mich hat zweifeln lassen. Es muss Anfang der Neunziger Jahre gewesen sein. Von einem Tag auf den anderen war ich mir nicht mehr sicher, ob ich auf der richtigen Seite stand. Ich überlegte also ernsthaft, mir ein Mega Drive zu kaufen. Warum zum Henker gab es das Spiel Aladin nicht auch für mein Super Nintendo?

Ich saß in meinem Zimmer und blätterte den Aladin-Test in der Zeitschrift „Videogames“ auf. Wieder und wieder las ich die Einschätzung der Profis. Das Spiel hatte aber auch wirklich in allen Kategorien abgeräumt: Super Grafik, tolles Gameplay, astreiner Sound. Ich begann nach Fehlern zu suchen. Etwas Schlechtes musste doch zu finden sein, das mich vom falschen Pfad abbringen konnte.

Die heisse Liebe zu meinem Super Nintendo war plötzlich abgekühlt. Es blieb ausgeschaltet. Es war einfach nicht mehr dasselbe: Das „Klack“, das der dunkelgraue Power-Schalter erzeugte, wenn man ihn nach oben schob, auch das „Pling“, mit dem der Nintendo-Schriftzug Zehntelsekunden darauf in die Bildschirmmitte rutschte. Ich wollte das Sega-System.

Solche Wirrungen, so scheint es, haben bald ein Ende. Das Projekt OnLive verspricht den Kampf der Spielkulturen endgültig zu beenden. Es dreht sich mal wieder um das Zauberwort Cloud-Computing. OnLive soll es ermöglichen, sämtliche Spiele in Echtzeit auf den heimischen Bildschirm zu streamen. Vorraussetzung ist lediglich eine schnelle Intenetverbindung. Im Wohnzimmer stehen nur noch Empfänger und Steuereinheit.

Games werden nicht mehr gekauft, stattdessen aus der Datenbank des OnLive Servers ausgewählt und geladen. Diese Server sind es auch, die die Rechenarbeit übernehmen, zu Hause kommt nur die Grafik an. Viele namhafte Spielehersteller haben bereits bestätigt, das Projekt zu unterstützen. Bei Erfolg wird sich deren Zahl schnell weiter erhöhen. Die Systemfrage hätte sich erübrigt.

Zurück in die Neunziger: Natürlich reichte mein Geld nicht für das Mega Drive. Daher fragte ich mich, warum es überhaupt mehrere Konsolen geben musste. Ich träumte von einer Plattform, auf der sich Klempner und Igel gute Nacht sagten, Mario und Sonic sich jederzeit abwechesln konnten. Ich malte mir aus, wie ein „Mega Nintendo“ wohl aussehen könnte. Das OnLive wäre also genau das richtige für mich gewesen.

Heute ist dieser Traum zum greifen nahe. Eine Alles-Fresser-Plattform wie OnLive hat das Potential den gesamten Videospiel-Markt aufzumischen. Über kurz oder lang könnte es sogar die anderen Konsolen verdrängen und zum Monopolisten aufsteigen. Aber wären darüber nur die Nostalgiker traurig, während alle anderen davon profitierten jedes erhältliche Spiel auf einer einzigen Konsole spielen zu können? Sicher ist, das Kulturgut Videospiel würde an Vielschichtigkeit einbüssen.

Noch allerdings gehört die bewusste Entscheidung des Gamers dazu. Er oder sie überlegt sich genau, welches der parallel existierenden Systeme am besten zu ihm passt, welche Spiele, welcher Controller, und, welches Maskottchen. Damals lautete die Gretchenfrage: Mario oder Sonic? Seit Segas Ausstieg aus dem Konsolengeschäft hüpft der blaue Igel Sonic auf allen Plattformen – sogar auf dem Nintendo. Dafür hat der japanische Traditionshersteller neue Konkurrenz in Form von Sony und Microsoft bekommen.

Nach wie vor wird somit debattiert, welcher Controller wirklich besser in der Hand liegt und welche Buttons die optimale Drucksensitivität besitzen, ob die Microsoft Spiele wirklich innovativ sind, oder wie es um das Gameplay der Sony-Games bestellt ist. Und damit ist es nicht getan. Individuelle Vorlieben werden in Symbole übersetzt. So entsteht ein Mikrokosmos, dem man sich verbunden fühlt. Das zeigt ein T-Shirt mit dem kultigen Sega-Logo genauso wie die Action-Figur auf dem Schreibtisch, die den Masterchief aus Microsofts Exklusivtitel Halo abbildet. Manch einer soll sogar Bettwäsche besitzen, die mit Mario und Yoshi bedruckt ist.

In einer Runde längst erwachsener Menschen fallen Sätze wie: „Und was hattest Du früher?“, oder: „Ich war mehr der Nintendo-Typ“ und: „Weisst Du noch, dieser Seeega-Sing-Sang, wenn man Sonic eingeschaltet hat?“. Für die nächste Generation von Gamern könnte der Systemwettstreit schon zur Geschichte gehören. Dank OnLive werden sie nicht mehr streiten müssen, welches Videospiel-System das einzig wahre ist. Und sie werden sich nicht mehr darüber freuen können, beim besten Freund einmal die andere Konsole zu testen. Natürlich nur um festzustellen, was sie sowieso schon wussten: Dass die eigene die bessere ist.

Ihnen wird aber auch erspart bleiben, ihre Freizeit im Elektronikmarkt an der Ecke zu verbringen, weil der Kasten der zu Hause vor dem Fernseher steht, ausgerechnet mit Aladin nichts anzufangen weiß. So müssen sie auch nicht alle paar Minuten das schwarze Gamepad an die anderen Kinder im Laden weiterreichen. Dieses schweißnasse Ding, das schuld daran war, dass Aladins Leben im Sekundentakt schwanden.